Berlin-Marathon 2013 – Finisher

Finisher – Foto: Steffi Roßdeutscher

Es ist vollbracht. Ich habe es wirklich geschafft. Es war ein schöner Lauf, es tat mir nichts weh. Freunde und Familie in Anzahl zweier Fußballteams haben mich unterstützt, und es kullern immer noch Tränen vor Stolz und Glück, wenn ich daran denke: Ich bin den 40. Berlin-Marathon 2013 bis ins Ziel gelaufen und das auch noch genau in der Zeit, die ich mir in aller Bescheidenheit erhofft hatte.

Zwei Wochen vor dem Marathon hatte ich außerdem einen neuen Job angefangen, zwei Tage nach dem Marathon einen fünfminütigen Vortrag (auf Englisch) über den Marathon gehalten – daher komme ich erst jetzt dazu, offiziell zu berichten.

The Loveliness of the Long-Distance Runner?

Unter diesem Titel habe ich die Vorbereitung auf den Marathon und meine Einstellung zum Laufen insgesamt Revue passieren lassen, nachdem ich mir den Herzenswunsch, einmal im Leben ‚meinen‘ Marathon zu laufen und zu finishen, erfüllt habe. Vier Jahre ‚ernsthaftes‘ Laufen, neun Monate Training für den Marathon, 42 km und 4:59:37 Stunden – das ist die  Zusammenfassung des Ganzen in nüchternen Zahlen.

Marathon_96dpi

km 31 – Foto: Andreas Levers

Der Marathon  Legende und Mythos zugleich. Viele Menschen interpretieren alles Mögliche in Richtung transzendentale Grenzerfahrung hinein (der Film Sein letztes Rennen mit Dieter Hallervorden, der am Donnerstag nach dem Marathon in die Kinos kam, bestätigt das wieder einmal). Andererseits besteht der Marathon vor allem aus dem zeitintensiven Training davor. Und drittens gibt es die schöne, liebreizende Seite – das, was man auf ganz sanfte Art und Weise über sich selbst und seinen Körper lernt. Und über die Grenzen dessen. Wenn man bereit ist hinzuhören, dann lehrt einen das Marathontraining und der Marathon tatsächlich eine Menge für das Leben an sich. Das meine ich mit ‚The Loveliness of Long-Distance Running‘.

Superwoman?

Ganz klar: Marathontraining wirkt sich auf den Körper aus. Marathon wirkt sich auch auf den Geist aus. Und wenn man dann – um mal ein Modewort zu benutzen – auch noch achtsam auf das Zusammenspiel und die Widersprüche zwischen Körper und Geist achtet, lernt man wirklich viel. Absurderweise wurde mir das erst klar, als ich ein paar Tage vor dem Marathon den Ignite-Vortrag vorbereitete. Diese echte Achtsamkeit ist die eigentliche Lektion, die mir der Marathon geschenkt hat.

Rennen = achtsame Entschleunigung, jedenfalls für mich

Feuer bwBei dem Tempo, in dem ich den Marathon gelaufen bin, kann man nicht wirklich von ‚rennen‘ sprechen. Aber es ist ein Wettkampf, und wie ich rausgefunden habe, auch ein Wettstreit von körperlicher Bewegung und mentaler Aktivität. Durch Gespräche mit den vielen anderen (Marathon)läufern, die ich kenne, sowie durch deren Reaktion auf die Art und Weise, wie ich laufe und trainiere, ist mir Folgendes klar geworden: Es gibt auf der einen Seite des Spektrums die getriebenen, eher verbissenen, sehnigen, wild entschlossenen Läufer. Auf der anderen Seite die eher achtsamen, meditativen, entschleunigten, trotzdem sehr fokussierten und ausdauernden Athleten. Wie Ihr Euch denken könnt, zähle ich mich eher zu letzteren. Dazwischen gibt es natürlich alle möglichen Mischformen.

Slow marathon

Foto: Borris Häring

Das Schöne am Laufen ist, dass die verbissenen Läufer, die mit jedem Wettkampf unbedingt eine neue persönliche Bestzeit aufstellen möchten, die entschleunigten Läufer durchaus akzeptieren oder sogar beneiden. Und die langsamen Genussläufer tolerieren natürlich auch die Ambitionen der Getriebenen. Schön fände ich es, wenn in anderen Bereichen des Lebens, insbesondere des Arbeitslebens, solches Verständnis gleichfalls möglich wäre. Das heißt: Selbst, wenn alle das gleiche Ziel haben, gibt es unterschiedliche Arbeitsmethoden und Strategien, dieses Ziel zu erreichen. Toll, wenn man das Tempo des anderen akzeptiert und sich darüber freut, wenn er oder sie auch ins Ziel kommt.

Pläne und Strategien

Was mich beim ‚ernsthaften‘ Lauftraining von Anfang an begeistert hat, war die Tatsache, dass ich einen Wettkampf fast minutengenau laufen kann, wenn ich mich vorher an einen Trainingsplan für diese Zeit gehalten habe. (Meine Trainingspläne ‚hole‘ ich mir übrigens kostenfrei bei Lauftipps.ch – dem Betreiber dieser Seite sei an dieser Stelle einmal allergrößter Dank ausgesprochen.)

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Ziel: Bier! – Foto: Matthias Essrich oder Magnus Büth.

Wenn man Fotos von mir in den Zielbereichen der letzten Jahre sieht, könnte man zunächst denken, beim Lauf selbst ist mein einziges Ziel, ein gesponsertes Erdinger Alkholfreies Weizen nach Zieleinlauf zu bekommen. Tatsächlich aber ist die Laufstrategie im Wettkampf das Allentscheidende. Nur, wenn man die erste Hälfte einer Langstrecke – egal ob 10, 21 oder 42 km – wirklich langsamer läuft als die zweite, ist in der zweiten Hälfte überhaupt noch ausreichend Kraft da. Das bedeutet bei einer Zielzeit von x Stunden für y Kilometer eine ziemliche Rechnerei, aber sie lohnt sich. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich nur, wenn ich mich konsequent an diese Strategie hielt, ‚pünktlich‘ oder schneller als erwartet im Ziel war. Das Gefühl, sich erst in der zweiten Hälfte doll anzustrengen und dafür ‚locker‘ die Kraft zu haben, beflügelt wahnsinnig. Meistens überholt man dann all die Läufer, die am Anfang tempomäßig ‚angeben‘ wollten oder schlichtweg keine (gute) Strategie hatten. Die Lehre daraus für das Leben jenseits von Langstreckenläufen: Wie viel erfolgreicher wären die meisten von uns, wenn sie nicht ihre gesamte Energie am Anfang eines Projekts oder Jobs aufbrauchen würden, sondern sich mit 80 bis 90% ihrer Leistungsfähigkeit zufrieden gäben, um dann, wenn es wirklich hart auf hart kommt, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit 110% geben zu können?

Bescheidenheit und Toleranz

workout life balance waage quadrat-polaZu den Mythen über Langstreckenlaufen und insbesondere Marathontraining gehören auch Gewichtsverlust und weise Entscheidungen, z.B. mit dem Rauchen aufzuhören. Das trifft auch beides auf mich zu. Als ich 2010 anfing, nach Trainingsplänen zu laufen, habe ich binnen neun Monaten 15 Kilo abgenommen. 2010 rauchte ich noch und wurde schlank und schnell. Nachdem ich mich im Oktober 2013 zum Marathon 2014 angemeldet hatte, hörte ich mit dem Rauchen auf und nahm die 15 Kilo wieder zu, trotz gleichbleibender Ernährung und einem deutlich höheren wöchentlichen Trainingspensum von 40 bis 52km. Darüber hinaus wurde ich in den letzten 18 Monaten langsamer.

Medal MarathonIrgendwann diesen Sommer kam mir dann die Erkenntnis, dass ich meine so wenig nach Marathonläuferin aussehende Figur akzeptieren müsse, denn ich konnte nicht noch gleichzeitig Diät machen. Mir schwante zudem, dass ich mehr als die ursprünglich erhofften 4:30:00 für den Marathon brauchen würde. Aber so richtig wollte ich mich damit nicht abfinden und trainierte weiter auf dieses etwas zu schnelle Tempo hin. Der Geist und der nach einem mentalen Motivationstief wieder gewonnene Ehrgeiz verwehrten mir die Achtsamkeit, auf meinen Körper und sein trotziges Gewicht zu hören. Und dann hatte ich einen Unfall.  Aus Überanstrengung und Müdigkeit zu stolpern und ungebremst mit der Stirn auf das Kopfsteinpflaster zu knallen, war schließlich selbst für mich ein ausreichend deutliches Signal zu mehr Achtsamkeit. Die Lehre daraus für das richtige Leben: Es tut weniger weh, frühe Signale für bescheidenere Ziele im Leben zu akzeptieren, als mit dem Kopf durch die Wand zu wollen oder ungewollt aufs Kopfsteinpflaster. Außerdem macht es glücklich, die eigenen Grenzen zu akzeptieren.

Inspiration und Vorbilder

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Zum Laufen inspiriert: Andreas – Foto: Borris Häring

Was an meiner ganzen Lauferei im Rückblick wirklich toll und liebreizend ist: Durch meine „extrovertierte“ Kommunikation darüber (auf Facebook, Twitter und hier) habe ich andere Menschen ans Laufen gebracht. Ich (!) bin eine Inspiration zum Sporttreiben. Das macht mich glücklich und stolz. Ich selbst habe natürlich auch so meine Vorbilder. Meine Inspirationsquelle ist Stella. Sie schwimmt. Als Langstreckenschwimmerin schwamm sie dieses Jahr unglaubliche 26,4 km durch den Zürichsee.  In ihrem Blogpost darüber preist sie im Grunde die gleiche Taktik an, die auch wir Läufer haben. Erste Hälfte auf keinen Fall zu schnell angehen und: Den ersten Kilometer gefühlt total langsam angehen bzw. schwimmen, so langsam, dass es einem albern vorkommt. Da mir diese Formulierung so gut gefiel, habe ich mich auch beim Marathon daran gehalten. Danke, Stella.

caro und stella

Was bleibt? Zusammenfassung.

Die schönen Erkenntnisse für das Leben, die mir das Marathontraining und –laufen mitgegeben hat, sind also:

1. Hab einen Plan und eine Strategie und halte Dich daran. Sei dennoch bereit, die Strategie anzupassen.

2. Akzeptiere Deine Grenzen, wenn Du herausfindest, wo sie liegen. Bescheidenheit kann durchaus glücklich machen.

3. Inspiriere und helfe anderen. Dann werden andere Dich inspirieren und Dich unterstützen. Denn manchen Ziele im Leben sind trotz aller Bescheidenheit doch so hoch gesteckt, dass Du sie ohne Unterstützung Deiner Freunde nicht wirst erreichen können.

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Cheerleader – Foto: Andreas Levers

4. Sei trotz aller Ambitionen immer offen für all das Schöne um Dich herum.

Loveliest of all – vielen Dank für Eure Unterstützung

Die Danksagung fällt etwas üppiger aus, da mich sage und schreibe 23 Menschen am Tag des Berlin-Marathons vor Ort unterstützt haben.

Borris

Für die vielen Kilometer auf dem Fahrrad im Training, die melodisch gepfiffenen Motivationsliedchen dabei, die gleichmütige Toleranz gegenüber einer Woche unerträglicher Nervosität und Angespanntheit meinerseits vor dem Marathon und die punktgenaue Anfeuerung an vier Positionen währenddessen.

Stella

Meine Vorbild-Entschleunigerin, die Du dick erkältet ebenfalls kreuz und quer durch Berlin gefahren bist, um mir Zaubertrank zu reichen und das berühmt berüchtigte Smiley-Plakat zu zeigen.

Mine, Barbara, Andreas, Ramona, Daniel, Steffi und Joachim

Für die Begleitung und Foto-Dokumentation der Wettkämpfe meiner ‚Laufkarriere‘ über Jahre hinweg.

Karin, Simon, Jule und Wilhelm

Für frühes Aufstehen, durch die Stadt gondeln und überhaupt.

Mario, Juliane, Gerd, Petra, Johanna, Urban, Katrin, Laura, Pam,  Mitch

Für die vorbildliche Verlässlichkeit bzw. das spontan gelungene Anfeuern.

Km 39 - Foto: Stella Pechmann

Km 39 – Foto: Stella Pechmann

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2 Gedanken zu „Berlin-Marathon 2013 – Finisher

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