Tod und Trauer in Zeiten des Internet

Zwar heißt dieses Blog „Berlin macht glücklich“, aber viel zu oft holt uns das Unglück in Form von schrecklichen Nachrichten ein, ganz egal, wo wir sind. Zum Ende der Social Media Week in Berlin ging ich zu einer Veranstaltung mit Jörg Eisfeld-Reschke  zum Thema Tod und Trauer im Internet, weil mich das Thema ansprach (keine Angst, so morbide bin ich nicht, nur empfinde ich in der Mitte des Lebens selbiges als durchaus endlich). Und anschließend rief er zu einer Blogparade  zu diesem Thema auf, an der ich mich hiermit gerne beteiligen möchte. Um meine Gedanken und Emotionen einigermaßen zu gliedern, folge ich seinen Leitfragen.

Foto: (c) Frank Schneider, mit freundlicher Genehmigung des Fotografen.

Wie hat sich die Trauerarbeit durch und mit Social Media verändert?

Grundsätzlich hat sich nichts Wesentliches verändert. Die Vermischung von privater und öffentlicher Anteilnahme und Trauer gab es in meiner Wahrnehmung schon immer. Vieles bleibt jedoch im Internet, das  angeblich „nichts vergisst“, länger sichtbar.

Betrachten wir zunächst Naturkatastrophen und den Tod von bekannten Persönlichkeiten. Von solchen erfuhr man zwar früher nicht so zeitnah, aber wenn die Nachricht eintraf, dann erfasste die Menschen zunächst die Fassungslosigkeit und dann die Traurigkeit –genau so wie heute. Und wenn man so gestrickt war, dann weinte man auch spontan gemeinsam und bekundete damit seine Gefühle, so wie man es heute im Echtleben und virtuell tut. Nicht umsonst wird in den USA in der älteren Generation heute noch gefragt „Wo warst Du, als JFK ermordet wurde?“ – und jeder wird sich erinnern, wo er oder sie war, als er von den Attentaten des 11. September 2001 erfuhr. Sehr anschaulich wurde die Kombination Fassungslosigkeit und Trauer auch in jenen Folgen von Mad Men gezeigt, die den Tod Marilyn Monroes (2. Staffel, Folge 9) und das Attentat auf John F. Kennedy  thematisierten. Die Fassungslosigkeit, das öffentliche Bedauern und Betrauern wird in heutigen Zeiten als Oberflächlichkeit bezeichnet, nur weil diese Gefühle jetzt über die Fingerkuppen zu einem Facebook-Kommentar, Tweet oder Retweet kondensiert werden. Dieser Vorwurf wurde gerade kürzlich zum Tod von Dirk Bach öfters laut. Doch ist er selbst eine oberflächliche Betrachtung. Denn das einzige, was sich wirklich ändert, ist die Messbarkeit und langfristige Sichtbarkeit zutiefst menschlicher Reaktionen. Und die bedeutet nichts Schlechtes. Sichtbare, dokumentierte Trauer gibt es auch in 2000 Jahre alten Grabmalereien, denen niemand den Vorwurf des Ostentativen machen würde.

Durch das Internet und Social Media kommen Nachrichten von Unglücken und Todesfällen jedoch schneller und überall zu uns. So erfuhr ich vom Tod meines Kollegen Wilhelm durch eine E-Mail, als ich in der Mittagspause zwischen ‚meinen‘ Studenten der BAW in München saß, und brach darüber in Tränen aus. Über den Tsunami in Japan las ich auf Twitter, während ich als Aussteller auf einem Kongress gerade Kaffeepause machte. Aber seien wir ehrlich. Für Hiobsbotschaften gibt es keinen richtigen Zeitpunkt. Als ich dieses Jahr am Ende des letzten re:publica-Tages meine Mailbox abhörte, war eine Nachricht meiner Mutter darauf – mit zittriger Stimme und Bitte um Rückruf. So erfuhr ich erst mit mehrstündiger Verzögerung vom Tod meiner Freundin Susi. Meine unmittelbare, tiefe Traurigkeit wäre jedoch zu jedem Zeitpunkt die Gleiche gewesen.

Welches sind die Chancen und Risiken, wenn Menschen in Zeiten der Trauer das Internet nutzen?

 Als Freundin und Befürworterin von Social Media sehe ich vor allem Chancen. Zum Beispiel die Facebook-Chronik als Ort der Erinnerung. Die Chronik eines verstorbenen Freundes – sofern das Profil online bleibt – kann ich aufsuchen, wenn mich gerade eine Welle der Erinnerung und Traurigkeit überkommt. Mit meiner „echten“ Freundin Susi war ich z.B. nicht auf Facebook befreundet. Von ihr habe ich jedoch viele Fotos aus unseren Kinder- und Jugendtagen, die ich bewusst gesucht und in meiner Foto-Kiste obenauf gelegt habe – mein ‚Ort‘ der Erinnerung an sie. Für Freunde, die ich erst in den letzten Jahren kennen gelernt habe, könnte Facebook tatsächlich ein Ort der Erinnerung werden. Die Erinnerung an einen geliebten Menschen ist für mich „sein Leben nach dem Tod“. Ich erinnere mich an seine Worte, und seinen Anblick – einfach nur so, mit Briefen und Papierfotos oder eben in Facebook-Kommentaren, Tweets und Videos.

Apropos Bilder: Eine schöne Metapher hörte ich anlässlich Susis Beisetzung. „Die Trauer kommt in Wellen.“ Genau so ist es. Manchmal verheerend wie ein Tsunami, manchmal schwappt das Meer still und harmlos und manchmal rauscht es in einer regelmäßigen Brandung. Eindrucksvoll an diesem Bild ist, dass die Gefühle mit unvorhersehbarer Intensität wiederkehren. Die Verfügbarkeit von „Erinnerungen“ an den Verstorbenen z.B. in Blogs, auf Facebook und auf Twitter verlängert diese Trauerzeit, glaube ich, nicht. Ich sehe in diesen ‚Dokumenten‘ einen anderen, neuartigen Rettungsring, den wir uns greifen, falls uns die Welle erfasst.

Das Internet vergrößert – um im Bild zu bleiben – meinen Ozean. Die sechs Ecken, über die ich theoretisch jeden Menschen auf der Welt kennen und betrauern könnte, werden weniger. D.h. ich lerne über „das Internet“ mehr Menschen kennen und fühle mich ihnen durchaus nahe, auch wenn uns das Leben keine echte Begegnung mehr erlaubte. So trauere ich um flickr-Freunde, von deren Tod ich erst nach Monaten erfahre.

Die Trauer ist die Gleiche, ob digitale Kontakte oder Gefährten aus dem echten Leben. Mit letzteren teile ich mehr Erlebnisse und habe deshalb mehr Erinnerungen. Das vergrößert die Wogen der Trauer bisweilen, aber ob die Erinnerung ein digitales Privatfoto auf der Festplatte meines Computers oder ein Chronik-Eintrag auf Facebook ist, tut eigentlich nichts zur Sache. Ein wichtiger Punkt für mich ist jedoch die Stimme der Verstorbenen – und die höre ich immer noch eindringlich, wenn ich an sie denke. Ohne, dass ich Tonaufnahmen oder Videos von diesen Menschen hätte. Erstaunlich, oder?

Ich könnte noch so viel mehr schreiben. Aber nun lass ich’s gut sein und denke statt dessen noch ein wenig an Wilhelm – und vor allem an Susi.

(Danke an Frank, dass ich das Foto verwenden durfte. Quelle: http://www.flickr.com/photos/frank_f_s/8087616311/sizes/l/in/photostream/)

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Design macht glücklich – Eames

Vorletzte Woche habe ich es in letzter Sekunde geschafft, im Camera Work die Ausstellung von Elliott Erwitt zu sehen. Abgesehen von den klug gehängten Werken herausragender Fotografen unterschiedlichster Generationen, die dort immer wieder zu sehen sind, ist das Camera Work ein wunderschöner Ort. Die Gegend nahe des Savigny-Platzes mag ich ohnehin, insbesondere, weil auch das Stilwerk nur ein paar Meter die Kantstraße hinunter liegt.

Dort war ich am darauf folgenden Wochenende, denn beim Bummeln durch die City West (in der jetzt erfreulicherweise auch wieder viel Neues entsteht), merkte ich, dass ich beinahe die Designmeile Berlin verpasst hätte. Ein Grund, mal wieder im Stilwerk vorbeizuschauen.

Der Ausstellungsbereich im Erdgeschoss war gerade den Möbeln Charles & Ray Eames gewidmet, die minimum im Stilwerk verkauft. Die ausgestellten „Objekte“ zeigten mir wieder einmal, wie sehr gutes Design seiner Zeit voraus ist.

Besonders deutlich wurde mir das durch den Aluminium Chair. Mir persönlich fiel dieses Designobjekt erst in den 1980er Jahren erstmals als ’schick‘ auf – und ich war seitdem davon ausgegangen, es sei ein Produkt der 80er. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass die Aluminium Group von den Eames ist und Charles und Ray Eames in den 1980ern bereits verstorben waren.

Aber dass das Design aus dem Jahr 1958 stammt. Also aus einer Zeit, als man noch solche Mode trug. Ganz ehrlich: Wer hätte das gedacht?

„Ick Hans Liberg“ im Tipi am Kanzleramt

Am Samstag war ich bei der Premiere von Hans Libergs Programm „Ick, Hans Liberg“ im Tipi am Kanzleramt.

Bei Hans Liberg geht es immer noch zu wie vor 22 Jahren, als ich ihn das erste Mal live erlebt habe. Nur, dass er mittlerweile „Assistenten“ hat:

Auf Livekritik habe ich eine Rezension über die Show geschrieben. Hier die Zusammenfassung:

„Der Abend bleibt auf jeden Fall deshalb in positiver Erinnerung, weil das Publikum so stark eingebunden wurde und diese Rolle gerne übernahm: Die von „uns“ gesungene deutschsprachige Facebook-Hymne („Ein Freund, ein guter Freund,….“) ziemlich zu Anfang der Show ist ein Beispiel dafür. Und dass – wenn „Tiere in Kinderliedern“ thematisiert werden – Liberg auch den Publikumszuruf „Schnappi“ als Tier gelten lässt und dieses Lied aus der Fünften von Beethoven über die „Kleine Nachtmusik“ hinweg ableitet, dann freut man sich über das symbiotische Zusammenspiel von Publikum und Künstler.

Für die weniger Musikbewanderten gibt es außerdem schöne Erklärungen wie z.B. die Veranschaulichung von des Dur-Moll-Kontrastes („Hoch soll er leben“, die deutsche Nationalhymne und das Pippi-Langstrumpf-Lied wurden in Moll gespielt).

Danke, Hans Liberg, dass Sie immer noch über die Bühne turnen (wenn auch nicht mehr so ‚crazy‘ wie früher). Und Berliner: Geht hin und habt einen schönen Abend.“

Den ganzen Text könnt Ihr hier nachlesen.

Die Show ist im Tipi noch bis zum 28.10.2012 zu sehen.